Alte Apfelsorten digital katalogisieren

Irgendwo in einem alten Streuobstgarten nahe Hohenlohe wächst noch ein Baum der Sorte Trierer Weinapfel. Der Baum ist über 80 Jahre alt. Der Besitzer kennt den Namen der Sorte. Seine Kinder nicht. Und wenn der Baum in zehn Jahren gefällt wird, ist das Wissen weg. Kein Eintrag in einem Sortenkatalog, keine Fruchtbeschreibung, keine genetische Probe. Einfach weg.

Genau dieses Szenario wiederholt sich gerade tausendfach in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Schätzungen zufolge sind allein im deutschsprachigen Raum über 3.000 regionale Apfelsorten bekannt oder zumindest namentlich überliefert. Wie viele davon noch existieren, wie viele bereits verschwunden sind, lässt sich kaum sagen. Das liegt nicht an fehlendem Interesse, sondern an fehlendem System.

Was Pomologie bedeutet und warum sie unter Druck steht

Pomologie ist die Wissenschaft der Obstsortenbestimmung und -beschreibung. Sie hat eine lange Geschichte. Im 19. Jahrhundert entstanden aufwendige Werke wie der Illustrirte Handbuch der Obstkunde von Johann Georg Conrad Oberdieck, mit detaillierten Stichen einzelner Früchte, Beschreibungen von Reifezeitpunkten, Geschmacksprofilen und regionalen Namen. Diese Bücher sind heute Raritäten, teilweise nur noch in Bibliotheken oder Privatsammlungen zu finden.

Das Problem: Dieses Wissen schlummert in gedruckter Form, unvernetzt, schwer durchsuchbar, oft in altem Deutsch verfasst, das pomologischen Laien kaum zugänglich ist. Gleichzeitig sterben die Experten aus, die diese Texte interpretieren können. Der Deutsche Pomologenverein zählte 2023 noch rund 700 Mitglieder. Viele davon sind über 60 Jahre alt.

Was eine digitale Datenbank leisten kann

Eine Datenbank für Apfelsorten klingt technisch, ist aber im Kern ein Archivproblem. Es geht darum, strukturierte Informationen so zu speichern, dass sie auffindbar, verknüpfbar und erweiterbar sind. Das Bundessortenamt führt eine offizielle Liste zugelassener Sorten. Doch diese Liste umfasst nur kommerziell relevante Sorten. Alte Regionalsorten, Streuobstsorten, Lokalnamen fehlen darin vollständig.

Projekte wie BUND Streuobst oder die Apfeldatenbank der ZHAW Wädenswil in der Schweiz gehen weiter. Die ZHAW-Datenbank verzeichnet über 3.500 Einträge mit morphologischen Merkmalen, Synonymen und historischen Quellen. Jede Sorte bekommt einen eigenen Datensatz mit standardisierten Feldern: Fruchtform, Schalenbeschaffenheit, Fleischfarbe, Reifezeitpunkt, Lagerfähigkeit, regionale Verbreitung.

Was früher pomologische Expertise und viele Stunden manueller Recherche erforderte, lässt sich heute mit durchdachter Datenbankarchitektur systematisieren. Portale wie Techdigitals.de zeigen, wie moderne Webtechnologien für Wissensdatenbanken eingesetzt werden können, was auch für Fachprojekte außerhalb der IT-Branche relevant ist.

Bildanalyse und genetische Fingerabdrücke

Die eigentliche Herausforderung beim Katalogisieren ist die Sortenbestimmung selbst. Ein alter Baum trägt manchmal lokale Namen, die nirgendwo verzeichnet sind. Oder er trägt gar keinen Namen mehr. Ohne Vergleich mit bekannten Referenzsorten bleibt die Zuordnung unsicher.

Zwei Methoden haben sich hier als besonders wertvoll erwiesen:

  • Morphologische Bildanalyse: Hochauflösende Fotos der Frucht, des Kelchs, des Stiels und des Kerngehäuses werden mit Referenzbildern verglichen. Software wie das an der TU Dresden entwickelte Tool Poma kann dabei assistieren, ersetzt aber keine pomologische Expertise.
  • SSR-Marker-Analyse: Microsatelliten-Analysen des Erbguts erlauben genetische Fingerabdrücke. Das Julius Kühn-Institut in Dresden hat auf diese Weise bereits mehrere hundert alte Sorten genetisch typisiert und Synonyme aufgedeckt. Viele Sorten, die regional unter verschiedenen Namen laufen, erwiesen sich als identisch.

Die Kombination beider Methoden ist kostspielig. Eine einzelne SSR-Analyse kostet je nach Labor zwischen 30 und 80 Euro pro Probe. Für Streuobstprojekte mit ehrenamtlichem Charakter ist das eine echte Hürde.

Citizen Science als Datenbasis

Einige der ambitioniertesten Sortenkataster entstehen nicht in Instituten, sondern durch systematisch koordinierte Laienbeteiligung. Das Konzept: Privatpersonen mit alten Obstbäumen melden diese über eine App oder ein Webformular, fotografieren Früchte nach Protokoll, senden Blatt- oder Fruchtproben ein und erhalten im Gegenzug eine Sortenbestimmung oder zumindest einen Verdacht.

Das österreichische Projekt Obstsorten-Wiki, das vom Bundesministerium für Klimaschutz mitfinanziert wurde, verzeichnete innerhalb von drei Jahren über 12.000 Meldungen aus dem ganzen Land. Rund 400 Einträge konnten dabei als bisher undokumentierte Lokalsorten eingestuft werden.

Der Mehrwert liegt nicht nur in der Datenmenge. Bürgerinnen und Bürger entwickeln durch die aktive Teilnahme ein Bewusstsein für den Wert alter Sorten. Aus Meldern werden häufig Botschafter, die ihre Nachbarn zur Teilnahme motivieren.

Datenpflege ist keine einmalige Aufgabe

Eine Datenbank, die einmal befüllt und dann sich selbst überlassen wird, verliert schnell ihren Wert. Beschreibungen veralten, Links sterben, neue Erkenntnisse aus der genetischen Forschung revidieren alte Zuordnungen. Das erfordert redaktionelle Struktur und klare Verantwortlichkeiten.

Das European Cooperative Programme for Plant Genetic Resources (ECPGR) betreibt mit der EURISCO-Datenbank ein übernationales Sortenregister, das Einträge aus 43 Mitgliedsländern zusammenführt. Für Äpfel allein sind dort über 16.000 Akzessionen verzeichnet. Doch selbst dort gibt es erhebliche Lücken: Viele Einträge enthalten nur Name und Herkunftsland, keine Beschreibung, kein Bild, keinen genetischen Marker.

Die Lehre daraus: Qualität schlägt Quantität. Besser 500 vollständig dokumentierte Sorten als 5.000 Einträge mit leeren Feldern. Projekte, die dauerhaft Bestand haben wollen, brauchen einen Pflegeplan, der Personal und Budget für die laufende Aktualisierung einschließt.

Was jetzt gebraucht wird

Die technische Seite ist lösbar. Offene Datenbanksysteme wie OpenRefine oder spezialisierte Biodiversitätssysteme wie GBIF bieten etablierte Infrastrukturen. Was fehlt, ist die Verbindung zwischen pomologischer Fachkenntnis, digitaler Kompetenz und langfristiger Finanzierung.

Konkret bedeutet das: Projekte brauchen mindestens eine Person mit pomologischer Ausbildung, eine mit Datenbankexpertise und eine mit Projektmanagement-Erfahrung. Förderprogramme wie der Bundesnaturschutzfonds oder Mittel aus der zweiten Säule der EU-Agrarpolitik können helfen, sind aber weder einfach zu beantragen noch verlässlich wiederholbar.

Der Trierer Weinapfel aus Hohenlohe wird vielleicht noch erfasst. Tausende andere Bäume nicht mehr. Jede Vegetationsperiode, in der kein System aufgebaut wird, ist eine verpasste Gelegenheit. Das Wissen sitzt in alten Bäumen und alten Köpfen. Beides ist endlich.

Florian Maier

Florian Maier

Redakteur/in

Florian Maier ist Apple-Fan der ersten Stunde und Tech-Journalist mit über 12 Jahren Erfahrung. Er hat hunderte Apple-Produkte getestet und analysiert regelmäßig die Strategie des Unternehmens aus Cupertino. Auf Apfelwelten.de schreibt er über iPhone, Mac und alles, was Apple bewegt.

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